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S u. F. Demmer
Unterwegs in China
Xinjiang

Xinjiang – Wunderwelt zwischen Feuer- und Eisbergen

 

Es gibt immer wieder Momente, da steht man schweigend und staunend vor den Energien, die Menschen in außergewöhnlichen Situationen aufzubringen im Stande sind.

Ca. 100 Kilometer sĂĽd-östlich von ĂśrĂĽmqi beginnt das Turphan-Becken, die zweittiefste Ebene der Welt, ein mörderisches, flaches, steinig-graues etwas oder besser gesagt nichts: Kein Strauch, kein Grashalm, nur Staub, nur Steine, nur Hitze und Eiseskälte. Begrenzt wird die farblose Tristesse des Beckens spektakulär aber nicht minder bedrohlich von rot-gelb erodiert aufragenden Gebirgsketten in flimmernder Luft: den „flammenden Bergen“. Bei Maximaltemperaturen von fast 50 Grad fällt im ganzen Jahr nur unwesentlich mehr Regen als bei uns in einem einzigen Sommergewitter. In einem Todeskampf befindet sich der einzige See der Gegend: weiĂźe Salzkrusten umrahmen seine Ufer. Das Wasser nur noch eine trĂĽgerische Labsaal. Der ehemals riesige See, gespeist von SchmelzwasserflĂĽssen aus den hinter den flammenden Bergen gelegenen Hochgebirgsregionen des Tianshan-Gebirges wird langsam aber sicher von der Hitze gefressen. 

Doch die rot-gelben Hänge, grauen Weiten und weiĂźen Salzkrusten haben auch eine andere Seite: Sie sind Ausdruck des Mineralienreichtums der hiesigen Böden. Wo immer SchmelzwasserflĂĽsse die flammenden Berge durchbrechen, ziehen sie sofort leuchtend grĂĽne Linien durch ihre roten Canyons. Felsengleich, erdfarbend verwitterte Ruinenstädte geben ebenso eindrucksvoll wie unheimlich ein weiteres Zeugnis von einstmals glanzvolleren Zeiten, als ĂĽberall noch mehr Wasser floss. Das war dereinst. Die Sonne wurde stärker und stärker. Am Rande der nahen Taklamakan-WĂĽste erzählen Legenden von gewaltigen SandstĂĽrmen, die in Stunden ganze Wälder auslöschten. Ăśber die Jahrhunderte erreichte immer weniger Wasser das Turphan Becken. Doch noch immer sahen die KarawanenfĂĽhrer die aufragenden, eisbepackten Hänge der Bergriesen im Norden und im Westen,  sahen sich dort noch immer eiskalt  schäumend durch die Täler tosenden Wasserströmen gegenĂĽber. Das Wasser war also noch da, der Schnee schmolz noch immer – nur immer höher wurde der Tribut, denn die Sonne forderte.

Der Feind war erkannt, wollte man das Leben im Turphan erhalten, wĂĽrde man das Wasser auf seinem Weg vor der Sonne schĂĽtzen mĂĽssen.

Und so begannen die Bewohner des Turphan-Beckens mit dem Bau des Karez-Systems. Mit einfachen geschmiedeten Hacken, wie man sie teilweise noch heute auf den Märkten der Gegend erstehen kann, wurden unter unglaublichen Anstrengungen unterirdische Stollen durch die flammenden Berge getrieben, bis zu 100m tief, zusammen über 3500km lang, mit Tausenden von Brunnen und Wasserlöchern, eine Leistung, die manche Historiker auf eine Stufe stellen mit dem Bau der Chinesischen Mauer, auch weil der Bau der Karez viel riskanter war. Die ersten Bauherren zahlten viel Lehrgeld: Stollen stürzten ein, wurden überflutet, doch schlimmer noch, als das erste direkt aus den Bergen heran strömende Wasser die Felder erreichte war es zu kalt und zu klar, es zehrte den Boden aus, die Pflanzen starben statt aufzublühen. Man musste das Wasser erst lüften und in Sammelbecken ruhen lassen. Für Reparaturen brauchte man in diesen Zeitaltern, lange vor ferngelenkten Bohrköpfen, befestigte Licht- und Wartungsschächte in dichter Folge, die man im Winter wiederum abdecken musste, um bei den dann herrschenden –15 Grad verheerende Frostschäden zu vermeiden.

Es brauchte die gesammelte wasserbauliche Kunst und Erfahrung der die Gegend bewohnenden Han, Araber und türkischstämmigen Uighuren, um Turphan selbst vor dem Schicksal anderer Wüstenstädte zu bewahren, und dafür zu sorgen, dass man noch heute in Restaurants in weinumrankten Lauben auf schweren Teppichen liegend dem tieferen Sinn des Wortes „Oase“ nachsinnen kann, den Sinn erfahren kann.

Für all diejenigen, die sich von der (letztlich erträglichen, da trockenen) Hitze nicht abschrecken lassen, sicherlich ein bleibender Eindruck, versüßt vom lokalen, zunächst ungewohnt aber dann angenehm frisch schmeckendem Weißwein und der unkomplizierten Freundlichkeit der Uighuren. Zwar haben heute LKWs die Karawanen ersetzt und Turphan ist in vielen Teilen eine eher schmucklos moderne Stadt geworden – aber wenige Minuten mit dem Auto oder auch dem Fahrrad reichen schon, und man fährt durch die ersten traditionellen Lehmziegelsiedlungen und irgendwann heraus in die bizarre Lebensfeindlichkeit der Berge und Steppen – die man in Turphan so ganz und gar vergisst, dank eines Wunders von Menschenhand: dem Karez.

 

So war Turphan unser persönlicher Höhepunkt in Xinjiang, aber auch Ürümqi bietet neben Ausflugszielen und chinesischem Grosstadttrubel ein durchaus eigenes Flair und Kashgar ist die lohnend-exotische Basis für die Eroberung des Karakorum Highways bis zum sagenumwobenen Karakul See, laut Lonely Planet einer der schönsten Höhenstaßen der Welt. Was wir gesehen haben, lässt uns keinesfalls widersprechen ;-).

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Frieder Demmer: China-Beratung, Training, Coaching